Schulalltag in Neuseeland – Erfahrungsberichte

Ein Schüleraustausch an einer High School in Neuseeland ist eine Wahnsinns Gelegenheit für dich, Dinge auszuprobieren, die du sonst nie machen könntest. Denn mal ehrlich – Mathe, Deutsch und Bio mögen zwar wichtig sein, aber es gibt wohl deutlich spannendere Fächer, oder?  Lass dir von unseren drei ehemaligen Teilnehmern Leonie, Anja und Samira erzählen, wie sie ihren Schulalltag in Neuseeland gestaltet und erlebt haben.

Leonie – Unterschiede zu unserem Schulsystem

Das Schulsystem in Neuseeland ist sehr verschieden. Ich habe nie wirklich gedacht, dass die High School wie in den Filmen in echt auch so cool ist! Das liegt schon an der Fächerwahl. Man darf das wählen, was einem Spaß macht. Und man hat wirklich eine große Auswahl von Fächern. In meiner High School gab es Fächer wie Marine Studies, Outdoor Education, Photography, Theater, Design usw., aber natürlich auch Fächer wie Mathe, Englisch usw. Also im Großen und Ganzen viel praxisorientierter als ich es bisher gewohnt war und nicht so theoretisch.

Unterrichtsstunden

Auch die Unterrichtsstunden sind anders. Es gibt keine Doppelstunden sondern man hat jeden Tag fünf verschiedene Fächer, was den Schultag sehr abwechslungsreich macht. Insgesamt hat man von 8.30-15.00 Uhr Schule. Die Zeit geht aber wirklich schnell vorbei, durch die coolen Fächer etc. Außerdem unternimmt man auch relativ viel mit seinen Klassen. In Marine Studies waren wir zum Beispiel am Hafen zum Angeln oder haben in einer anderen Stunde ein Restaurant am Harbour angeschaut und Burger gegessen. Auch in den Stunden ist alles sehr locker, da die Schüler-Lehrer-Beziehung sehr, sehr locker ist.

Schulcampus

Ein weiterer Unterschied ist das Schulgebäude. Wir sind es meistens gewohnt, ein großes Schulgebäude zu haben. In Neuseeland ist es jedoch üblich, viele „kleinere“ Häuser zu haben. In einem Haus finden zum Beispiel naturwissenschaftliche Fächer wie Biology oder Marine Studies statt. In einem anderen dann nur künstlerische Fächer wie Arts oder Photography. usw. Während man in Deutschland oft im selben Klassenzimmer ist und der Lehrer zu einem kommt, muss man in Neuseeland nach jeder Stunde das Klassenzimmer (und oft auch das Haus) wechseln.

Fazit

Ich fand sehr interessant, Teil eines so anderen Schulsystems zu sein. Außerdem hat es mir auch ganz gut gefallen, da alle miteinander die Chance haben zu lernen und es nicht Hauptschule, Realschule oder Gymnasium gibt. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich echt gerne in die High School gegangen bin. Und ich kann es jedem raten, das auch zu machen, da es nicht nur eine coole Erfahrung ist, sondern man auch echt viel Spaß hat!

Anja – Fächerwahl

In der ersten Woche stellte ich mit dem Oberstufenkoordinator und der International-Dean meinen Stundenplan zusammen. Es gab ein DIN A4 Heft, in dem alle zur Auswahl stehenden Fächer samt einer kurzen Beschreibung standen. Die meisten davon waren ganz anders als in Deutschland. Da fiel es schwer, sich zu entscheiden. Bei gefühlt jedem zweiten Fach sagte ich, dass sich das interessant anhörte. Obwohl ich immer viel Spaß an Naturwissenschaften hatte, bestand meine Endauswahl größtenteils aus Fächern, die es nur in Neuseeland gab, u.a.:

Tikanga und Te reo Maori

Tikanga war ein Fach, was ich unbedingt haben wollte, da es so etwas nur in Neuseeland gibt. Das Fach beschäftigt sich mit der Sprache, Kultur und traditionellen Lebensweise der Maori (die Ureinwohner Neuseelands). Tikanga selbst ist ein Wort in „Te reo maori“, wie die Sprache genannt wird. Es bedeutet so viel wie „die Art, Dinge richtig zu tun“. Für die jüngeren Schüler ist es seit einigen Jahren obligatorisch, da viele junge Neuseeländer sonst mit der Kultur ihres Landes nicht in Berührung kommen.

Die Lehrerin Mrs Murphy war eine herzliche Frau, die mich zur Begrüßung gleich umarmte. Jede Stunde begann mit einem traditionellen Gebet, welches von allen gesungen und von ihr auf der Gitarre begleitet wurde. Wir lernten Vokabeln beispielsweise über Familie. Auch das Weben von Flachs für ein Stirnband gehörte dazu. Da der Flachs als heilig gilt, haben wir im Unterricht mit Papierstreifen geübt. Außerdem erklärte uns Mrs Murphy, wie man verschiedene traditionelle Muster zeichnet und was sie bedeuten. Danach sollten wir eine Maske selbst malen. Diese stellen verstorbene Vorfahren dar und sind mit Mustern verziert, die die Stärken der Person darstellen. Auch die Farbgebung sollte mit der Person im  Zusammenhang stehen. Da der einzige verstorbene Familienangehörige mein Großvater war, malte ich also eine Maske für/von ihm. Wegen der Liebe zur Luftfahrt habe ich blau gewählt.

 

Aviaton (Luftfahrt)

Dieses Fach war zusammen mit der Information, dass man am Kuranui College Segelfliegen lernen konnte, der Grund, mich für diese Schule zu entscheiden. Man stellte mich in der ersten Schulwoche also auch Mr Grant vor. Irgendwie war er mir sofort sympathisch. Wir unterhielten uns und ich erzählte ihm von meiner Leidenschaft für die Fliegerei und meinen Plänen, das QGP-Certificate (die neuseeländische Segelfluglizenz) zu erwerben, bevor ich wieder nach Deutschland flog. Er freute sich sichtlich, das zu hören, wies mich allerdings darauf hin, dass das Fach Aviation sehr neuseelandspezifisch sei und daher vermutlich nicht so interessant für mich. Allerdings habe er gehört, dass ich eine sehr gute Geografin sei. Daher schlug er vor, statt Aviation lieber Geo zu nehmen und der Fliegerei lieber am Wochenende auf dem Flugplatz zu frönen. Ich war vollkommen einverstanden.

Building

Building stand schon von Anfang an mit ganz oben auf der Wunschliste. Wir gingen in den W-Block und betraten einen hellen Raum mit mehreren Werktischen, Maschinen, Werkzeugen und einem Holzlager. Ein freundlicher recht kleiner Mann stellte sich als Mr Juggins vor. Er musterte mich leicht verwundert und sagte freundlich, dass ich dann das einzige Mädchen in dem Kurs sei. Damit würde ich schon klarkommen, meinte ich.

Es gab fast immer praktische Arbeiten und sehr selten Theorie. Wir bauten unter anderem einen Handlauf an eines der Schulgebäude und ein Minihaus für die Feuerwehr zur Aufklärung über Feuermelder. Sogar ein Auftrag bei einem Lehrer, der ein paar Straßen weiter wohnte, war dabei. Tatsächlich wurde Building eines meiner Lieblingsfächer mit den nettesten Mitschülern. Kurz vor meiner Abreise meinte er, dass ich ihn wirklich überrascht hätte. Ich wurde von den „Halbstarken“ super akzeptiert und hatte auch noch mehr handwerkliches Geschick als die meisten meiner Mitschüler. Als Abschiedsgeschenk bekam er von mir einen deutschen Zollstock, den er auch gleich stolz allen Kollegen zeigte. Dazu muss man sagen, dass Zollstöcke in Neuseeland nur einen Meter lang und ziemlich unpraktisch sind. Das zwei Meter lange Modell kannte er nur aus YouTube Videos.

Drama (Theater)

Bei der Theatergruppe wurde ich mit den Worten „Bist du sicher, dass du hierbleiben willst? Dann willkommen bei den Verrückten!“ begrüßt. Die Lehrerin war der Inbegriff einer extrovertierten Person. Sie erzählte uns, dass eine ihrer Schülerinnen ihre Frisur mit der von Draco Malfoys Vater Lucius aus Harry Potter verglichen hatte. Die Ähnlichkeit war auch wirklich unverkennbar. Außerdem hatte sie eine herrlich zwanglose und humorvolle Art zu unterrichten.

Der Unterricht war häufig ein großes „Drama“. Trotzdem schafften wir es irgendwie tatsächlich immer, ein halbwegs vorzeigbares Ergebnis zu erarbeiten. Die Themen waren entweder international bekanntes Theater wie Shakespeare oder weniger bekannte Werke von neuseeländischen Künstlern. Die Theoriestunden musste ich nie mitmachen. Sie fand es unnötig, mich mit so etwas zu langweilen. So nutzte ich die Zeit um fürs Segelfliegen zu lernen.

Outdoor Education

Outdoor Education war eine von mehreren Varianten des Sportunterrichts. Statt Leichtathletik standen Klettern, Kajakfahren und Wandern auf dem Stundenplan. In der Turnhalle gab es eine hohe Kletterwand, an der wir übten. Später fuhren wir in eine große Kletterhalle in der nächsten Ortschaft. Dort konnten wir auch das Abseilen ausprobieren: Mit einem Klettergeschirr gesichert liefen wir eine fast senkrechte Wand rückwärts runter. Für die ganz Mutigen (zu denen auch ich mich zählen darf) gab es noch eine zweite Option: Mit einem zusätzlichen Geschirr ging es nun vorwärts die mehrere Meter hohe Wand hinunter.

Kajakfahren wurde im örtlichen Freibad trainiert. Zweimal die Woche waren wir über fast zwei Monate damit beschäftigt zu lernen, die kleinen Boote zu fahren und uns selbst zu befreien, wenn wir kopfüber unter dem Kajak im Wasser hingen. Wir versuchten uns auch an der Eskimorolle, die allerdings niemandem außer dem Lehrer so richtig gelingen wollte. Er sagte, dass es mehr auf die Technik als auf die Kraft ankommt. Ich konnte tatsächlich beobachten, wie ich dem gewünschten Ergebnis jedes Mal ein bißchen näher kam. Nur zu einer vollen Rolle hat es leider nicht gereicht. Sehr viel Spaß hatten wir auch beim Kajakpolo, das ähnlich wie Handball gespielt wird.

Samira – Außerschulische Aktivitäten

In meinem Aufenthalt habe ich die neuseeländische Schule lieben gelernt, was aber nicht nur am Unterricht lag, sondern auch an den „extra curricular activities“. Das sind Freizeitangebote in der Schule, die nach dem Unterricht stattfinden. Je nach Schule gibt es ein großes Angebot an Sport, Musik, und Kunstaktivitäten. Es ist auch eine tolle Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen, vor allem Kiwis. Am Anfang fand ich es auch eine sehr gute Möglichkeit, sich zu beschäftigen, wenn man noch nicht so viele Leute kennt. Ich habe mich für Concert Band, Badminton und Querflötenunterricht entschieden.

Concert Band

Einmal die Woche haben wir nach der Schule geprobt. Die Concert Band besteht aus Holz- und Blechbläsern und Schlagzeugern. Für Streicher gab es ein eigenes Ensemble. Wir haben die unterschiedlichsten Stücke mit unserem Dirigenten geprobt. Am Ende des Terms haben wir auch an einem Wettbewerb teilgenommen und konnten auch einen Preis gewonnen. Da man in der Band eine spezielle Uniform trägt, hatte ich sofort das Gefühl dazuzugehören.

Badminton

Angesichts des leckeren Essens in Neuseeland wollte ich auch unbedingt einen Sport machen. In diesem Club wurde zwar nicht wirklich trainiert, aber es wurde immer die Turnhalle aufgesperrt und Netze aufgebaut, sodass jeder für sich spielen konnte. Ich wurde auch sofort nett aufgenommen und habe eine Gruppe Mädchen gefunden, mit denen ich spielen konnte. Andere Sportarten wurden an meiner Schule ernsthafter betrieben, mit Übungseinheiten mehrmals die Woche und Wettkämpfen.

Musikunterricht

Meine Schule hat Instrumentalunterricht für verschiedene Instrumente angeboten. Normalerweise gibt es dafür lange Wartezeiten. Ich hatte aber die Möglichkeit, beim Unterricht eines Mädchens, die ich schon aus der Band kannte, mitzumachen. Der Unterricht war aber nicht nach Schulschluss, sondern am Vormittag während des Unterrichts. Das war aber kein Problem, man konnte dann einfach gehen.

Na, erging es dir wie uns? Findest du auch, dass die High School in Neuseeland so viel abwechslungsreicher ist als bei uns und vor allem viel mehr Spaß machen kann? Dann nichts wie ab nach Neuseeland. Informiere dich auf unserer Website über deine Möglichkeiten eines Schüleraustausch in Neuseeland.


Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Get NZ on your map“.

Steffi Stadon

Steffi ist als Redakteurin bei TravelWorks unterwegs. Als Backpacker in Australien hat sie in doppelter Hinsicht Feuer gefangen - nicht nur für die Landschaft sondern auch für einen Aussie. Gemeinsam pendeln sie zwischen Europa und Ozeanien hin und her. Der Rest der Welt kommt aber nicht zu kurz für Entdeckungen. Über den großen Teich soll es als nächstes gehen.

1 Kommentar

  1. Pingback: Schüleraustausch Neuseeland - Interview mit einer Expertin - Entdecker Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.